Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. (Hebräer 13, 2)
Ein Mann aus Nigeria malte dieses Bild, das ich auf dem Foto betrachtet. Ungewohnt im Umgang mit dem Pinsel, nahm er sich viel Zeit, malte langsam und so genau wie möglich.
Vor sechs Jahren war er auf gefahrvollen Wegen nach Deutschland gekommen, um von hier aus seine Familie zu Hause zu versorgen. Seine Kinder sollten auf eine Schule gehen können, die ihnen einen Abschluss mit Chancen für eine Berufsausbildung oder ein Studium ermöglicht. Er musste lange suchen und erlebte Gefahren, Not und Ängste, bis er sein Ziel erreicht hatte. Schließlich fand er Arbeit in einem Betrieb für Garten- und Landschaftsbau. Es war mehr als ein Job. Er wurde aufgenommen und lebte mit der Familie des Chefs. Sie alle fühlten sich beschenkt durch seine aufmerksame, liebevolle Lebendigkeit.
Doch sein Plan ist gescheitert. Der Asylantrag wurde abgelehnt, seine Duldung wurde nicht verlängert, er war nun „illegal“ in Deutschland. Schließlich wurde er verhaftet und in das Abschiebungsgefängnis in Ingelheim gebracht. Er kehrte zurück nach Nigeria. Die Kinder müssen die Schule verlassen. In den Augen Vieler wird er dort als Versager gesehen.
In dieser Situation, kurz vor der Abschiebung, entstand sein Bild im Rahmen eines kleinen Kunstprojekts der Seelsorge. Phantasievoll rankende Pflanzen mit einem stilisierten Herz in der Mitte. Ich staune darüber, wie wenig Erde in diesen kleinen Pflanztöpfen sein mag. Woher nehmen diese wunderschönen, zu tanzen scheinenden Pflanzen ihren Halt? Woher fließt ihnen ihre Kraft zu? Sie haben offensichtlich eine gute Pflege und genügend Wasser bekommen. Vielleicht können diese Pflanzen auch so lebendig sein, weil zwischen ihnen ein Herz ist.
Kann es sein, dass Menschen, die aus fernen Ländern unserer Erde zu uns kommen, sich fühlen wie Pflanzen in winzigen kleinen Gefäßen? Sie haben ihre Wurzeln gekappt, wo sie aufgewachsen sind. In der Hoffnung auf ein neues Leben brechen sie auf. Sie bringen ihren Lebenswillen mit, ihre Lebensgeschichten und ihre Begabungen, um an einem fremden Ort anzukommen und zu den Menschen zu gehören, die dort leben. Wodurch können sie neuen Halt bekommen?
Das schöne Bild habe ich in einen großen Umschlag gesteckt und an seinen Chef, seinen Freund geschickt. Das war sein Wunsch. Er nannte ihn weiterhin Chef. Und der Chef nannte ihn Lucky. Wegen seiner Ausstrahlung. Ich denke, er hätte er ihn auch Engel nennen können.
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