Mit der Hoffnung im Gepäck nach Jerusalem

veröffentlicht 05.10.2026, Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

Sieben Jahre an der Spitze des Evangelischen Dekanats Ingelheim-Oppenheim – Olliver Zobel blickt zurück auf das, was ihn getragen hat.

Die ersten Umzugskisten stehen schon in seinem Homeoffice im Frei-Weinheimer Pfarrhaus. Noch ist Olliver Zobel Dekan, noch bestimmen Termine, Gespräche und Entscheidungen seinen Alltag. Aber der Abschied ist längst sichtbar. Mitte November wird Olliver Zobel Deutschland für mindestens sechs Jahre verlassen und sein neues Amt als evangelischer Propst zu Jerusalem antreten. Auch privat bedeutet das einen tiefen Einschnitt: Der Haushalt wird aufgelöst, manches eingelagert, einiges soll verkauft werden und noch Geld für einen guten Zweck bringen.

„Die Hoffnung ist mir von Gott zugesprochen“

Die Stimmung des Dekans ist trotzdem gelöst. Zobel erzählt, lacht, denkt nach. Abschiedsschwere? Natürlich. Aber sie bestimmt das Gespräch nicht. Und wenn es einen Begriff gibt, unter dem der 57-jährige Theologe selbst seinen Rückblick auf sieben Jahre als Dekan stellen möchte, dann ist es: Hoffnung. Nicht im Sinne eines unbekümmerten „Es wird schon gutgehen“. Dafür hat Zobel in sieben Jahren als Dekan zu viele schwierige Entscheidungen getroffen, Krisen erlebt und Abschiede begleitet. Seine Hoffnung reicht weiter: „Hoffnung ist nicht etwas, was aus positiven Erfahrungen erwächst“, sagt er. Sie sei etwas, das Gott uns zuspricht. Für ihn sei die Hoffnung deshalb eher ein Bekenntnis als das Ergebnis eines gelungenen Lebens oder schönen Umständen. Selbst wenn Dinge schwer sind oder gar scheitern, könne Hoffnung bleiben. 

Eine Kirche im Umbruch

Als Zobel 2019 Dekan wurde, waren die beiden früheren Dekanate Ingelheim und Oppenheim gerade fusioniert. Unterschiedliche Traditionen mussten zusammenfinden. Dann kamen Corona und ekhn2030. Vieles von dem, was der Theologe sich ursprünglich für seine Amtszeit vorgenommen hatte, trat dadurch in den Hintergrund. So plante er z. B. die Hospizarbeit im Dekanat stärker zu vernetzen – auch um die Lotsenfunktion der Kirche am Ende des Lebens zu unterstreichen. Doch sei er dann häufig vor allem mit Organisation und strukturellen Fragen beschäftigt gewesen. Das bedauert er bis heute. 

 

Zobel redet den Reformprozess ekhn2030 im Rückblick nicht schön. Aber er gehört zu denen, die grundsätzlich die Chancen größerer Zusammenarbeit sehen in Form von Verkündigungsteams, gemeinsamen Gemeindebüros und Nachbarschaftsräumen. Daran, dass nicht mehr jede Pfarrperson und jede Gemeinde alles selbst können muss. Aber er weiß ebenso, dass diese Neuordnung nicht nur organisch gewachsen ist. Viele Entscheidungen waren, wie er selbst sagt, von außen gefordert und mussten vor Ort umgesetzt werden. Entscheiden gehört für ihn deshalb zum Leiten. Eine Kirche, die weniger Geld, weniger Personal und weniger Ehrenamtliche hat, könne nicht mehr immer sagen: Dann machen wir eben beides. Man muss im wahrsten Sinne des Wortes ent-scheiden. Manches müsse beendet, anderes neu begonnen werden. Das auszuhalten, sei nicht leicht. 

Tragfähige Arbeitsstrukturen sind entstanden

Dankbar sei er, dass die strukturellen Herausforderungen von ekhn2030 im Dekanat bis zu seinem Abschied weitgehend geklärt sind. Dass aus vielen zunächst abstrakten Vorgaben tragfähige Arbeitsstrukturen entstanden sind. Besonders am Herzen liegt ihm die GüT, die Gemeindeübergreifende Trägerschaft der evangelischen Kindertagesstätten im Dekanat. Für Zobel ist sie ein Beispiel dafür, wie Kirche vor Ort verwurzelt und gleichzeitig auf einer höheren Ebene professionell organisiert sein kann. Auch die Weiterentwicklung von Öffentlichkeitsarbeit, der Evangelischen Jugend im Dekanat, von Fundraising und digitalen Strukturen zählt er zu den Dingen, bei denen eine Grundlage geschaffen worden sei, auf der andere weiterarbeiten können. 

„Empowerment“ als wichtiges Element theologischer Arbeit

Aber noch wichtiger ist ihm etwas weniger Sichtbares: das Team. „Menschlich sind wir im Dekanat an vielen Stellen gut zusammengewachsen“, sagt er. Viele personelle Veränderungen habe es in diesen Jahren gegeben, neue Arbeitsfelder seien entstanden, andere hätten sich weiterentwickelt. Dass inzwischen vieles ohne ihn funktioniere, erlebt Zobel nicht als Bedeutungsverlust, sondern als Erfolg. Die letzten Wochen hätten ihm gezeigt, wie selbstverständlich Sitzungen und Prozesse auch ohne den Dekan weiterlaufen. „Mir geht es immer darum, mich letztlich überflüssig zu machen“, betont er, weil andere in die Verantwortung hineingewachsen sind. Theologische Arbeit habe für ihn immer auch etwas mit „Empowerment“ zu tun: Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen, und Strukturen schaffen, die nicht an einer einzelnen Person hängen. 

Hoffnung und Gemeinschaft als Grundpfeiler der kirchlichen Arbeit

Trotz aller Strukturarbeit bleibt Zobel natürlich auch Pfarrer. Dass davon in seinem Amt als Dekan manchmal zu wenig sichtbar geworden ist, bedauert er und erklärt: „Ich habe zu wenig normale Gottesdienst gefeiert.“ Zu häufig fehlte ihm die Zeit, sei er derjenige gewesen, der Fragen stellte, Sitzungen strukturierte und Veränderungen vermitteln musste.

Dennoch bleibt für ihn klar: Eine Kirchenreform, die nur Verwaltung verändert, greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet für Zobel nicht: Wie verwalten wir Kirche möglichst effizient? Sondern: Warum braucht es Kirche überhaupt? Seine Antworten darauf sind überraschend knapp: um Hoffnung zu geben, Gemeinschaft zu ermöglichen und diejenigen im Blick zu behalten, die leicht übersehen werden. 

„Ich bin durch und durch ein Emmaus-Mensch“

Dazu passt, dass er sich selbst als „Emmaus-Mensch durch und durch“ bezeichnet. Die Geschichte von den beiden enttäuschten Jüngern, die unterwegs Christus begegnen und ihn zunächst nicht erkennen, enthält für ihn vieles von dem, was Glauben ausmacht: gemeinsam unterwegs sein, Schweres aussprechen, zuhören, Brot teilen – und manchmal erst im Rückblick verstehen, was auf dem Weg geschehen ist. Hoffnung bedeutet für Zobel allerdings nicht, Zweifel und Wut auszublenden. Wenn er erschöpft oder verzweifelt sei, helfe ihm gerade, dass er einen Gott habe, dem er „alles um die Ohren schlagen“ könne. Bei einer schweren Diagnose eines Freundes habe er „dem da oben ziemlich die Meinung gesagt“. In schwierigen Situationen half ihm auch, einfach ans Frei-Weinheimer Rheinufer zu gehen und dort so manchen Schrei in Richtung Himmel zu schicken.

Sport, die Nordsee und Reisen als Ausgleich

Und natürlich hat ihn auch seine Familie durch diese nicht immer einfachen Jahre getragen. Ohne seine Frau und seine Familie, sagt Zobel, hätte er das Dekane-Amt so nicht ausfüllen können. Seine Frau habe Freude und Frust mitgetragen und immer wieder darauf geachtet, dass neben der Arbeit auch Anderes Raum bekam – Sport, Nordseeurlaube, gemeinsame Reisen. Nun führt der gemeinsame Weg nach Jerusalem. Dorthin nimmt Zobel nicht nur einige Umzugskisten mit, sondern auch eine für ihn sehr wichtige Erfahrung aus den vergangenen Jahren und die Frage: „Warum gibt es uns?“ Diese Frage will er auch in Jerusalem stellen. Warum braucht es dort eine deutschsprachige evangelische Gemeinde? Welche Aufgabe hat diese Kirche an genau diesem Ort? Was kann sie für Menschen bedeuten? 

Einige Erinnerungsstücke an Rheinhessen, dessen Wein- und Festkultur er im Übrigen vermissen wird, werden mit ihm nach Jerusalem ziehen. Darunter „der Blaue“, eine Figur der Künstlerin Lies Ebinger, die Zobel schon während seiner Zeit als „Blümchenpfarrer“ bei der Binger Landesgartenschau 2008 begleitet hat. Damals war die ebenso schlichte wie farbkräftige Skulptur für ihn der sehnsuchtsvoll nach vorn Blickende, heute nennt er sie den Hoffungsvollen. Eine Figur mit glänzendem Herzen, die in die Ferne schaut. Sehnsucht und Hoffnung, sagt Zobel, liegen für ihn dicht beieinander. 

Was sich nicht einpacken lässt …

„Wenn ich könnte, würde ich gerne das halbe Dekanat mitnehmen“, sagt er und lacht. Dahinter steckt mehr als ein freundlicher Abschiedssatz. Sieben Jahre lang haben Menschen gemeinsam beraten, gestritten, entschieden, Stellen geschaffen, Strukturen gebaut und manches wieder verworfen. Nun wird er nicht mehr selbst erleben, wie all das weiterwächst. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Olliver Zobel möchte nichts festhalten, nur weil es während seiner Amtszeit entstanden ist. Er habe seinen Teil tun dürfen, sagt er. Nun müsse er die Dinge aus der Hand legen. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin dürfe manches ganz anders machen – hoffentlich aus guten Gründen. 

Was also soll bleiben, wenn Olliver Zobels Name irgendwann nicht mehr täglich im Dekanat fällt? Seine Antwort kommt schnell: die Hoffnung. Die Hoffnung, dass Kirche trotz kleiner werdender Ressourcen, aller notwendigen Veränderungen und mancher schmerzhaften Entscheidung ihren Weg findet. Dass Menschen weiterhin zusammenkommen, Beziehungen knüpfen, Gottesdienst feiern und sich gegenseitig tragen. Dass nicht alles gelingen muss, damit es sich lohnt, weiterzumachen.

„Mir ist nicht bange um dieses Dekanat“, sagt Zobel. „Wir haben gute Strukturen und gute Ideen.“ Und dann fügt er den Satz hinzu, der ihn immer wieder motiviert und die Basis seines Tuns ist: „Ich habe Hoffnung in Gott. Sie ist mir durch die Taufe zugesprochen.“ Die Umzugskisten in seinem Büro werden in den kommenden Wochen mehr werden. Irgendwann wird auch die letzte geschlossen sein. Hoffnung allerdings, davon ist Olliver Zobel überzeugt, lässt sich weder einpacken noch zurücklassen. Sie geht mit – und sie bleibt.

Am Sonntag, den 1. November 2026 (15:00 Uhr) findet ein Festgottesdienst zur Entpflichtung und Verabschiedung von Dekan Zobel in der Saalkirche Ingelheim (Karolingerstraße 4b) statt.