„Hoffnung, die das Leben trägt“

veröffentlicht 26.03.2026, Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

Ostergruß 2026 von Dekan Olliver Zobel

„Klasse, so viele Kartoffeln!“, die Augen der Kinder strahlen. Im Frühling hatten wir gemeinsam eine Saatkartoffel gepflanzt. Nun bewundern sie die Kartoffeln, die aus dem Haufen Erde herausschauen. „Iih, und was ist das?“ – tja, das gehört eben auch dazu: Das ist die alte Saatkartoffel, die schrumpelig und matschig dazwischen liegt. Nur so konnten die neuen vielen schönen Kartoffeln wachsen. Ein angeregtes Gespräch beginnt. Es geht um Tod und Sterben. Und in die Freude der Kinder über die reiche Ernte mischt sich Trauer. „Warum konnten die neuen Kartoffeln nicht einfach an der alten Kartoffel heranwachsen?“ – eine gute Frage. Die Antwort ist zunächst einfach: Die jungen Kartoffeln mussten durch die alte Kartoffel versorgt werden, bis diese sich dann selber mit Nährstoffen versorgen konnten. Und dabei hat sich die alte Kartoffel verbraucht. Den Kindern reicht diese Erklärung aber nicht aus – warum muss das so sein?

Wenn Altes vergeht, kann Neues wachsen

Da fällt mir ein Bild ein, dass wir in der Osterzeit häufig verwenden und das auf einen biblischen Vers zurückgeht: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." (Joh 12,24) Ein Vers, bei dem es nicht um den Lebenszyklus einer Saatkartoffel geht, sondern in dem die Grundlagen unseres Lebens in dieser Welt beschrieben wird: Damit Neues entstehen kann, damit gute Früchte wachsen können, muss oft der Ursprung, das Samenkorn, sich ganz aufopfern und vergehen. In der Bibel spricht dann aber von der Hoffnung auf 100fältiger Frucht, die aus einem Weizenkorn entstehen kann – und das ganz ohne aufwändige Züchtung und Kunstdünger – einfach so. Der Vers hält fest, dass es wirklich allen Grund gibt, sich über dieses Potential zu freuen und die vielen Früchte zu genießen. Dankbar darüber zu sein, dass wir so genug Lebensmittel produzieren können, auf dass alle Menschen auf dieser Welt satt werden, und doch muss ein Preis gezahlt werden: das Vergehen des Ursprungs, des einen Samenkorns, der einen Saatkartoffel – etwas Trauer darf und muss sich in die Freude eben auch mischen.

Dabei ging es dem Evangelisten Johannes weniger darum, naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Für ihn ging es darum, das Leiden und Sterben und die Auferstehung Jesu Christi zu deuten. Denn auch der Sohn Gottes ist dem Grundzusammenhang des Lebens in dieser Welt nicht ausgewichen. Auch er musste sterben, sterben am Kreuz, um eine einzigartige Frucht in seiner Auferstehung werden zu lassen, unsere Erlösung und das ewige Leben. 

Das ist zwar ein schöner Gedanke und doch fordert er mich heraus – kann ich das annehmen? Kann ich annehmen, dass da jemand für mich gestorben ist, damit ich diese Hoffnung, dieses ewige Leben habe? Mir stockt ein wenig der Atem, als ich mit den Kindern darüber ins Gespräch komme.

Vor allem fordern mich dieser Vers und das Vorbild des Sohnes Gottes heraus, darüber nachzudenken: Was bin ich bereit, für eine gute Zukunft einzusetzen? Bin ich bereit, auch manches wirklich loszulassen, aufzugeben, sterben zu lassen, damit Neues entstehen kann -vielleicht mir sehr liebe Dinge und Gewohnheiten? 

Osterhoffnung

Ich sehe die lebendigen Augen der Kinder – wir stehen immer noch um den Haufen Erde mit den vielen schönen Kartoffeln, aber auch der zermatschten Saatkartoffel. Werden braucht in dieser Welt auch Vergehen – keine leicht verdauliche Wahrheit. Doch dann erinnere ich mich an die Osterbotschaft: Gott hat letztlich in seinem Sohn diesen Kreislauf durchbrochen. Ich darf leben. Und dieses Leben steht unter anderen Vorzeichen – den ewigen Vorzeichen Gottes: Der Herr ist auferstanden – Halleluja. Und doch, auch er musste sterben und vergehen, um mir solch eine Hoffnung schenken zu können.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest 2026.

Ihr Dekan Olliver Zobel