„Gewalt hat eine Geschichte“ in Bingen: „Niemand sollte so etwas erleben müssen“

veröffentlicht 10.02.2026, Evangelisches Dekanat Ingelheim-Oppenheim

Präventionsprojekt des Dekanats regte Jugendliche zu Auseinandersetzung mit der Geschichte an

„Lange dachten wir, dass die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat. Dass nicht mehr der Stärkere bestimmt, wo es langgeht, und dass keine Bevölkerungsgruppe mehr zum Buhmann gemacht wird, auf den man seinen ganzen Frust ablädt. Scheinbar gerät diese Erkenntnis aber wieder mehr und mehr in Vergessenheit. Eure Aufgabe wird es sein, Wege zu finden, dass dies nie mehr passiert.“ Mit diesen Worten begrüßte der Dekan des Evangelischen Dekanats Ingelheim-Oppenheim, Pfarrer Olliver Zobel, die Teilnehmenden des Präventionsprojektes „Gewalt hat eine Geschichte“ in der kleinen Aula des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen. 

Rund 100 SchülerInnen und KonfirmandInnen folgten 2025 dem Aufruf des Dekanats. In fünf Teams entwickelten sie jeweils Projekte, um ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung zu setzen und präsentierten sie im Februar 2026 im Binger SGG. Das Projekt „Gewalt hat eine Geschichte“ wurde vor 13 Jahren vom Geschichtsverein Oppenheim und dem Jugendhaus Oppenheim für die Region Oppenheim/Nierstein initiiert. Die Veranstaltung in Bingen zeigte, dass das Gewaltpräventionsprojekt inzwischen auch im Raum Bingen/Ingelheim auf große Resonanz stößt.

Engagiert stellten die Jugendlichen ihre Arbeiten vor, die sich insbesondere mit den Biographien von Menschen beschäftigten, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt wurden. Die Präsentationen machten die begangenen Verbrechen sichtbar und zeigten zugleich, wie schnell sich auch heute im Alltag eine Spirale der Gewalt entwickeln kann. 

Besonders eindrucksvoll war ein Theaterstück, das SiebtklässlerInnen der Ingelheimer IGS Kurt Schumacher unter der Leitung ihrer Religionslehrerin Margarete Ruppert aufführten. Darin zeichneten sie den Lebensweg der Katholikin Änne Meier nach, einer Urgroßtante eines Mitschülers. Die Saarländerin ließ sich in ihrem Glauben und ihrer Menschlichkeit nicht vom NS-Regime beirren und wurde dafür ins KZ Ravensbrück deportiert. Ihr Glaube half ihr, Krankheit und Todesmärsche zu überleben.

Die KonfirmandInnengruppe der evangelischen Gesamtkirchengemeinde „Nahe an Rhein und Wißberg“ beschäftigte sich nicht nur mit dem Schicksal jüdischer Familien aus Bingen. In Kleingruppen analysierten sie unterschiedliche Formen von Gewalt – seelische, körperliche und strukturelle. Gemeinsam diskutierten sie, wie Gewalt auch im eigenen Alltag gestoppt werden kann.

Einen besonders persönlichen Zugang wählten Jugendliche des KonfirmandInnen-Moduls in Ingelheim bei der Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Jüdin Ruth Kapp Hartz. Als kleines Mädchen musste diese sich getrennt von ihrer Familie in Frankreich vor dem Zugriff der Nationalsozialisten verstecken und erlebte Hunger und Not. Die Jugendlichen schrieben Briefe an die Holocaust-Überlebende, die heute in den USA lebt. In einem der Briefe heißt es: „Niemand sollte so etwas erleben müssen.“ 

Auch die ZehntklässlerInnen des katholischen Religionsunterrichtes am Stefan-George-Gymnasium gingen Schicksalen von Menschen nach, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Ihre Recherche-Ergebnisse setzten sie auch in Plakatform um. Die Israel-AG des SGG – entstanden 2022 im Rahmen eines Schüleraustausches des SGG mit einer High-School in der Nähe des israelischen Haifa – erinnerte an die Geschichte der Binger Familie Brück. Deren tragisches Schicksal konnten die Mitglieder der AG detailreich rekonstruieren. Bei der Präsentation verlas ein Schüler der AG den bewegenden Brief des Urenkels des einzig Überlebenden der Familie. Der Urenkel schrieb, der Schüleraustausch habe seiner Familie „Hoffnung auf eine bessere Welt gegeben – auf die Liebe zum Menschen und darauf, nur Gutes zu sehen und zu tun“.  

Diesen Gedanken griff Pfarrer Christian Brost, Inhaber der Pfarrstelle für Gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Ingelheim-Oppenheim, als Moderator der Veranstaltung in seinem Schlusswort auf: „Wir hoffen, dass ihr im Rahmen eurer Auseinandersetzung mit der Geschichte lernen konntet, wie wichtig es ist, dass so etwas nicht wieder passieren darf. Wie sehr wir alle davon profitieren, dass wir heute eine Welt haben, in der wir in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben können.“